Dr. Dorothee Brockmann

Oktober / November 2018 MMCH Kpando – Eye Clinic Jachie

Wegen des Wechsels von Dr. Youfegan von Kpando nach Jachie war der Entschluss getroffen worden, chirurgische und einige diagnostische Geräte an die unter anglikanischer Leitung stehende Augenklinik von Jachie zu verlagern. Zusammen mit Ralf Brinken, der leitender Operationsassistent der Universitätsaugenklinik in Bonn ist, reiste ich am Montag zunächst nach Kpando, um dort unsere Gerätschaften zu verpacken und Verladen und Transport zu überwachen.

Das Personal der Klinik empfing uns herzlich, die Krankenhausverwaltung frostig. Anhand einer detaillierten Liste konnten wir innerhalb von 3 Tagen alle vorgesehenen Gerätschaften zusammen-packen, wobei schon die Beschaffung von geeignetem Verpackungsmaterial eine Herausforderung darstellte. Glücklicherweise hatten wir im Frühjahr einige große, feste Kartons verwahrt, die jetzt erneut zum Einsatz kamen. Die exzellenten technischen Kenntnisse und das handwerkliche Geschick von Ralf waren unabdingbar beim Abbau der Operationsgeräte.  Auch Hanne Irle, eine junge Abiturientin aus Deutschland, die gerade in Kpando ein Praktikum absolvierte, packte tatkräftig mit an.

Donnerstag früh erreichten uns wie vereinbart zwei Transportfahrzeuge aus Jachie, und das Verladen ging erstaunlich schnell ob der mit angereisten Hilfskräfte.  So konnten wir uns am Mittag auf den Weg machen.

Die Fahrt nach Jachie , das etwas südlich der Großstadt Kumasi liegt, war lang, die Straßen staubig und holprig, manche verdienten den Namen Straße schon nicht mehr. Wir versuchten, den Abschied abzuschütteln und mit etwas räumlichem Abstand kam dann zur Wehmut auch etwas Aufbruchstimmung dazu. Mit im Auto saßen neben dem Fahrer ein Optiker und ein Optometrist aus Jachie. Ich versuchte, mit beiden ins Gespräch zu kommen, was zu aller Belustigung gut gelang, als ich sie bat, mir ein paar Worte in Tri beizubringen, welches in der Ashantiregion hauptsächlich gesprochen wird. So kamen wir in guter Stimmung bei Dunkelheit abends gegen 21.00 Uhr in Jachie an. Dort trafen wir auf Schwester Aba, die der Augenklinik vorsteht und die in Jachie in einem Konvent der Anglikanischen Kirche lebt. Aba erwartete uns freudig und aufgeschlossen mit einem Essen im Speisesaal des Konvents, wo wir auch Gästezimmer beziehen konnten. In der Zeit, in der wir essen durften, räumten die Mitarbeiter der Klinik die Fahrzeuge aus und brachten alles in die zu einem Operationszentrum umgebauten Räumlichkeiten des Konvents. Nach dem Essen besichtigten wir diese Räumlichkeiten, die Aba mit zu Recht großem Stolz präsentierte. Hier hatte sie mit großer Übersicht und guter Planung einen ganzen Bereich fliesen  lassen und mit Aluminium gerahmten Leichtbauwänden unterteilt, so dass zwei große Untersuchungs- und Behandlungsräume, ein geräumiger klimatisierter  Operationssaal und ein Arbeits- und Sterilisationsbereich sowie ein Lagerraum entstanden waren. Diese wollten wir nun in den Folgetagen füllen.

Am Freitagmorgen sahen wir Jachie zum ersten Mal bei Tageslicht.

Der Ort ist klein, fast ein Village, und liegt mitten im Busch, obwohl Kumasi nicht weit entfernt ist. Der Konvent liegt auf einem Hügel, von dem aus man das Umland sehen kann, und wurde hier sicher einmal mit Bedacht platziert. Die Mauern um das Gebäude scheinen das lärmende, bunte und arme Afrika nach draußen zu verbannen. Innerhalb der Mauern ist es grün, sauber, tagsüber ruhig, und es gibt einen eigenen Brunnen und somit eine eigene Trinkwasserversorgung. Die eigentliche Augenambulanz liegt einige hundert Meter entfernt mitten im Dorf, sie ist zu Fuß in ca. 10 min. vom Konvent aus zu erreichen. Sie ist sehr klein, hier ist jeder Zentimeter Raum ausgenutzt.  Gerade deshalb ist sie besonders gut organisiert und durchdacht, das Personal geschult, geduldig und freundlich. Es gibt einen Aufnahme- und Wartebereich, einen Raum für Voruntersuchungen, einen Untersuchungsraum mit drei uralten Spaltlampen, eine Apotheke und eine Optikerwerkstatt, so dass den Patienten möglichst an einem Vorstellungstermin eine Rundumversorgung angeboten werden kann. Die Menschen in Jachie sind sehr arm, viele kommen nur unter großer Anstrengung und über lange Strecken zu Fuß in die Klinik.  Um die Stadt Kumasi scheint sich ein Armutsgürtel zu ziehen und Jachie liegt mitten darin.

Alle begrüßten uns hoch erfreut. Die Begeisterung darüber, mit Dr. Youfegan nun bald einen ortsansässigen Augenarzt zu haben, schien alle zu beflügeln. Nach der Besichtigung machten wir uns wieder im Konvent an die Arbeit. Wir überlegten zusammen mit Dr. Youfegan, wie die Räume eingeteilt werden sollten, ordneten unsere Kartons zu und begannen die Kisten auszupacken. Ralf machte sich daran, das neue Operationsmikroskop aufzubauen, die Kamera und die übrigen Operationsgeräte zu installieren, ich baute mit Hanne die Laser auf, und gemeinsam ordneten wir Verbrauchsmaterialien in die Schränke, überlegten Abläufe und Wege und machten Listen von Dingen, die noch fehlten. Dann wurden die Instrumente gesichtet, gereinigt, gepackt, und der Sterilisator sollte in Betrieb gehen. Die Beschaffung des hierfür nötigen destillierten Wassers erwies sich als äußerst schwierig und erforderte mehrere Tage des Telefonierens und Klinkenputzens.  Auch das Beschaffen von Verbrauchsgegenständen, wie sterilen Handschuhen, Nahtmaterial oder sterilen Kompressen und nicht zuletzt Intraokularlinsen war eine Herausforderung. Zwar gab es einen Versand in Accra, der versprach, die bestellten Dinge innerhalb von zwei Tagen zu liefern, jedoch lernten wir, dass wir nicht damit rechnen konnten, alles Zugesagte auch zu bekommen. Die aufgewendeten finanziellen Mittel waren noch einmal erheblich. So war unser Wochenende mit reichlich Arbeit gefüllt.

Zu Beginn der zweiten Woche ging ich mit Dr. Youfegan in die Ambulanz, um Patienten zu visitieren, für die eine Operation angedacht war. Wir selektierten einige Patienten, die wir im Lauf der Woche noch operieren wollten, hauptsächlich am grauen Star und mit Lid- oder Bindehauttumoren. Die Ambulanz war brechend voll, viele hatten gehört, dass eine weiße Ärztin da sei, und selbst bereits vollständig erblindete Patienten kamen“ to see the Whites“.

Am Nachmittag kam das Personal, das im OP mit uns arbeiten sollte, hinauf in den Konvent. Alle waren hoch motiviert, aber bis auf eine Schwester hatte niemand je in einem OP gearbeitet. Alle waren nervös und hatten enorme Angst, Fehler zu machen. So gingen wir alle Abläufe einzeln durch, teilten Aufgaben zu, und auch hier schrieben wir To-Do-Listen.  Auch eine Einweisung in die Maßnahmen der Asepsis musste erfolgen.  Am nächsten Tag machten wir mit dem Personal Trockenübungen. Wer macht was zu welcher Zeit, welche Wege geht der Patient, welche Anweisungen müssen gegeben werden. Wie geleitet man jemanden, der schlecht sieht, wie hilft man ihm beim Hinlegen und Aufstehen, wie werden OP-Tische gedeckt, wie wird abgedeckt und sterilisiert, und immer wieder Asepsis, Asepsis, Asepsis… Kompliment an Ralf für seine Engelsgeduld! Zeitgleich kamen Materiallieferungen, und alle machten sich mit der Anordnung der Dinge vertraut. Dr. Youfegan und ich gingen nochmal durch, ob alles vorhanden war, was wir für den Start des Operationsbetriebes brauchten. An einigen Stellen würden wir improvisieren müssen. Für Mittwoch planten wir zunächst 4 Operationen. Wir wollten langsam und ohne Zeitdruck starten, damit nicht aus Nervosität Fehler gemacht würden und dadurch Frustration entstünde.

Tatsächlich ging es dann am nächsten Tag erst am späten Vormittag los. Die Optik des neuen Mikroskops war prima, die Bedingungen eigentlich gut. Wir begleiteten jeden Ablaufschritt, niemand tat irgendetwas ohne Supervision, und 4 Patienten konnten sicher am grauen Star operiert werden. Auch an den beiden Folgetagen ging alles langsam, aber gut. Für diese Menschen, die bereits nahezu erblindet waren, war das sicher ein riesiger Schritt zurück ins Leben.

Wir alle waren erleichtert und erschöpft. Für den Donnerstag nahmen wir uns 6 Operationen vor, Freitag dann 8. Doch dafür musste erst alles wieder gerichtet und sterilisiert werden, was im kleinen Sterilisator bis abends um 22.00 Uhr dauerte. Die OP- Wäsche wurde per Hand gewaschen, gechlort, über Nacht getrocknet und am nächsten Morgen in der Frühe sterilisiert. Die Aufbereitung ist sicher ein Prozess, der noch deutlich optimiert werden muss, bevor eine größere Anzahl Patienten pro Tag behandelt werden kann.  Auch ein Bestellsystem sollte sich etablieren, dazu müssen aber zunächst zuverlässige Bezugsquellen aufgetan werden.

Samstag ging es für Ralf und mich dann wieder heimwärts. Dr. Youfegan und Hanne  reisten noch wieder zurück nach Kpando, um dort bis zum Jahreswechsel zu arbeiten. Ein Umzug nach Jachie war für die Youfegans erst für Ende 2018 geplant.  So verabschiedeten wir uns von Schwester Aba, mit dem Gefühl, dass wir dort vor Ort eine hochkompetente, viel geachtete und zuverlässige Partnerin haben, und von ihrem engagierten, lernfähigen Team.

Dorothee Brockmann