Dr. Dorothee Brockmann

Januar / Februar 2018 MMCH Kpando

Bericht zum Outreach in Chinderi am 28.-31.01.2018, Ghana

Im Rahmen eines Aufenthaltes als Gastärztin in der Augenklinik des Margret Marquardt Catholic Hospital in Kpando, Ghana, Volta Region, hatte ich die Gelegenheit, an einem  Outreach teilzunehmen. Die Klinik entsendet ein ganzes Team mit vollständiger Ausrüstung in entlegene Gebiete des Landes, um dort Patienten zu behandeln und zu operieren. Darüber möchte ich berichten.

Das Unternehmen soll an einem Sonntag starten. Die Vorbereitungen beginnen jedoch schon am Mittwoch, direkt nach der Bestätigung des Termins. Die Mannschaft denkt sehr positiv über mein Mitkommen und bezieht mich in alles mit ein. Außer mir ist auch noch Olaf Tenbrueggen dabei, ein weiterer Deutscher, der für fünf Wochen einen Freiwilligendienst in der Klinik leistet.

Es muss viel bedacht werden, denn wenn etwas fehlt, kann es vor Ort nicht kurzfristig beschafft werden. Wir müssen den kompletten Bedarf mitnehmen. OP- Tücher gibt es nicht als Einmalware, so müssen diese in ausreichender Menge gewaschen und sterilisiert eingepackt werden. Operationsinstrumente und Kunstlinsen werden zusammengestellt, genauso  wie Medikamente und Verbandszeug.  Zur apparativen Ausstattung gehören ein Sterilisator, eine Spaltlampe und ein mobiles Operationsmikroskop. Glücklicherweise ist das Team eingespielt und es gibt eine Packliste, an der sich alle orientieren können. Am Freitag bei Feierabend steht alles bereit.

Los geht es dann am Sonntag. Früh um 5.00 Uhr treffen wir uns an der Klinik und beladen die Autos. Ein Pickup des Krankenhauses mitsamt Fahrer steht uns zur Verfügung, sowie ein SUV, welcher der Augenklinik gehört. Insgesamt sind wir neun Personen: Ein Arzt, zwei Krankenpfleger, zwei OP-Schwestern, ein Techniker, wir zwei Besucher und ein Fahrer.

Auf die Pritsche des Pickup wird das schwere Gerät geladen. Die Spaltlampe, die großen Kisten mit Instrumentarium und Wäsche. Die Ladung wird mit einer Plane abgedeckt, die mit Steinen beschwert wird. Das dient als einzige Ladungssicherung – was mir nicht wirklich als ausreichend erscheint. Alle  versichern jedoch, sie hätten damit Erfahrung, es werde schon alles gutgehen.

Das Mikroskop, kostbare Fracht, darf im geschlossenen Kofferraum des SUV mitreisen.

Wir verlassen Kpando in nördlicher Richtung und fahren entlang des Ostufers des Volta-Stausees ca. 3 Stunden nach Norden bis Drambai. Die Straßen sind teilweise nur Schotterpisten und fordern wegen zahlreicher Schlaglöcher die ganze Aufmerksamkeit der Fahrer. In einem kleinen Dorf am Weg

nehmen wir schon zum Frühstück eine afrikanische Mahlzeit ein: Gemüsesuppe mit Fleisch und Banku, eine Art vergorenem Mehlkloss aus Maniokmehl. Sehr scharf und heiß, ungewohnt für unsere deutschen Geschmacksknospen.

Die Gegend wird immer einsamer, wir treffen auf immer weniger Menschen, die Dörfer, die wir durchqueren, sind klein und offensichtlich arm.

In Drambai warten wir eine ganze Weile auf die Ankunft der Autofähre, mit der wir dann über den See übersetzen. Die Fähre ist voll, begleitet von lauter Musik über die Bordlautsprecher reihen wir uns ein mit überladenen Lastwagen, Taxis, Motorrädern und Fußgängern. Unsere neuwertigen und hoch beladenen Fahrzeuge erregen Aufmerksamkeit, ebenso wie zwei Weiße in der Gruppe. Be- und Entladen der Fähre ist ein Abenteuer.

Am Westufer des Sees setzen wir unsere Fahrt noch ca. eine Stunde fort, und kommen gegen zwei Uhr mittags in Chinderi an. Dort sollen wir im St. Lukes Hospital arbeiten. Das „Hospital“ ist nicht mehr als eine Baracke, ein flacher, lang gestreckter Bau mit Wellblechdach. Einen Arzt gibt es hier nicht, der Betrieb wird aufrecht erhalten von einem Krankenpfleger und einigen Helfern sowie einer Hebamme. Wir lernen, dass im Versorgungsgebiet der Krankenstation 84 000 Menschen leben. Mit uns kommen zum ersten Mal Augenärzte an diesen Standort.

Der Krankenpfleger, Mr. Houzou, begrüßt uns. Er ist ein kleiner, ruhiger Mann, dem das Wohlergehen der Menschen eine Herzensangelegenheit zu sein scheint. Mit ihm ist im Vorfeld auch alle Korrespondenz gelaufen und er hat mit Matthew, einem der Fachkrankenpfleger aus Kpando, die gesamten Voruntersuchungen organisiert und durchgeführt.

Hier im Norden ist es noch heißer und staubiger als in Kpando. Wir inspizieren zunächst den Raum, in dem wir operieren sollen. Es ist der Raum, der sonst als Labor der Station genutzt wird. Wir betreten die Baracke durch eine klapprige Holztür. Es riecht furchtbar, ich denke zuerst an einen Ziegenstall. Ich erfahre, dass im Dach der Station tausende Fledermäuse hausen. Der Kot der Tiere ist überall in der Station, er rieselt aus Steckdosen und von der Decke herab. Deshalb sind in dem Raum, in dem wir arbeiten sollen, Fenster und Decke mit schwarzer Plastikfolie verhängt. Es gibt eine kleine, gekachelte Ablage, zwei Steckdosen sowie als riesigen Pluspunkt eine kleine Klimaanlage. Bevor wir auspacken, schrubben wir den gesamten Raum von der Decke bis zum Fußboden.

Dann bauen Olaf und Phillip, der Techniker der Augenklinik, das Mikroskop und den Sterilisator auf. Die vorhandenen Steckdosen müssen noch instand gesetzt werden, und zwischen Geräte und Stromnetz werden Spannungswandler gesetzt, um die Schwankungen im Stromnetz auszugleichen. Den gibt es hier immerhin. Der Flur wird für den Durchgang gesperrt und mit Tüchern in Räume unterteilt.  Er dient gleichzeitig als Umkleide, Waschraum, Lager und Wartezone für Patienten.

Gleichzeitig wird im gegenüberliegenden Rohbau ein Untersuchungsplatz aufgebaut. Der Rohbau soll einmal eine neue Krankenstation werden, leider ruht der Bau schon seit Jahren.

Die Patienten warten schon auf uns, Mr. Houzou hat alles gut organisiert. So können wir diejenigen, die beim Screening gesehen worden sind und die am kommenden Tag operiert werden sollen, voruntersuchen und vorbereiten, und gleichzeitig die Indikationen überprüfen. So viele blind machende, mature  Linsentrübungen wie hier habe ich in meiner gesamten klinischen Laufbahn nicht gesehen. Zusätzlich kommen zahlreiche Patienten, die aus anderen Gründen eine augenärztliche Behandlung brauchen. Wir haben zu tun bis in den Abend hinein.

Träger der Station ist die katholische Kirche. Wir finden Kost und einige von uns auch Logis beim Pfarrer des Dorfes, Father Norbert. Wir Deutschen schlafen im einzigen Gasthaus des Dorfes.

Ich habe Vorbehalte wegen der schlechten Hygienesituation in  der Krankenstation. Der Fledermausdreck ist mir nicht geheuer. Ich thematisiere das mit Dr. Youfegan. Ich habe Befürchtungen, dass wir Infektionen produzieren werden und den Menschen Leid statt Heilung bringen. Er allerdings ist sich sicher, dass wir nur selbst gut, fehlerfrei und sauber arbeiten müssen. Er habe schon an viel schlechteren Orten operiert. Das ist für mich kaum vorstellbar und ich schlafe nicht gut in dieser Nacht.

Am kommenden Tag, Montag, beginnen wir früh um acht mit der Arbeit. Allerdings bedeutet das nicht, dass wir schon operieren, es sind noch einige Vorbereitungen zu tun. Der Tag beginnt mit einer Andacht für Patienten und Personal. Das OP-Team richtet Instrumente und Medikamente, Schnitt ist gegen zehn Uhr. Alle Operationen erfolgen in Retrobulbäranästhesie.  Ich übernehme die Injektionen, das gesamte Team arbeitet eingespielt. Trotzdem kommen wir deutlich langsamer voran als geplant. Wir arbeiten in schweißtreibender Hitze und unter dem Gestank der Fledermäuse. Die Menschen, Patienten und Personal, sind trotzdem freundlich, bunt, bettelarm und sehr dankbar. Ich bin beeindruckt von einer Helferin der Krankenstation, die gut gelaunt ihren Dienst mit auf den Rücken gebundenem Kleinkind verrichtet.

13 Patienten operieren wir an diesem Tag. Unter den schwierigen Bedingungen finde ich das erstaunlich viel.

Am folgenden Morgen öffnen wir die Verbände und machen die postoperative Visite, bevor wir wieder mit Operationen beginnen. Die Ergebnisse sind gut und ohne Infektionen, was mich sehr erleichtert. Der Tag verläuft ähnlich wie der Vortag, nur dass sehr viele ambulante Patienten zusätzlich zum Screening kommen. Es hat sich innerhalb eines Tages unter der Bevölkerung herumgesprochen, dass man eine Augenoperation überstehen kann, und so trauen sich jetzt einige, die zuvor aus Angst fern geblieben waren.  Zu mir kommt eine Mutter mit ihrem fünfjährigen Sohn, der unter einer beidseitigen Linsentrübung erblindet ist. Er ist still und geht keinen Schritt allein. Ich bespreche mit ihr, dass sie ihren Sohn in die Klinik bringen muss, damit er dort in Vollnarkose und mit für Kinder geeignetem Instrumentarium operiert werden kann. Die Familie kann eine Operation nicht bezahlen, und wir beschließen, dem Jungen eine kostenlose Behandlung anzubieten, wenn er denn in die Klinik gebracht werden kann.

Auch der zweite Tag vergeht wie der erste. Allerdings haben wir eine intraoperative Blutung, so dass wir am Abend unser Equipment noch nicht abbauen können, weil wir eventuell am nächsten Morgen noch eine Spülung machen müssen.

Wir essen bei Father Norbert und gehen erschöpft schlafen.

Mittwochmorgen wollen wir aufbrechen. Zuerst schauen wir die Patienten des Vortages an. Eine Spülung bei dem Patienten mit der Blutung ist nicht notwendig, und so können wir unseren OP abbauen.

Das Öffnen der Verbände ist ein beglückender Moment. Viele Patienten sehen das erste Mal seit Jahren wieder. Sie bejubeln sich gegenseitig und freuen sich von Herzen. Für viele bedeutet die Operation wieder errungene Selbstständigkeit oder Arbeitsfähigkeit. Eine Frau,  die ich frage, ob sie etwas sehe, schaut mich an und sagt: „Oh….you are white…!“

Während der Techniker und die Schwestern zusammenpacken,  besichtigen wir noch die Schule der Kirche.

Father Norbert hat eine Art Berufsschule gegründet, auf die er sehr stolz ist. Sie ist sehenswert. Unterkunft für 240 Schülerinnen und Schüler in zwei Dormitorien,  sowie Werkstätten für Maurer, Schneider, Tischler, Elektriker und Sekretärinnen.

Wir verabschieden uns von Mr. Houzou, der uns während der Tage fortwährend unterstützt hat, und vereinbaren, dass das Augenteam wieder kommen wird. Er verspricht, dafür zu sorgen, dass der kleine Junge nach Kpando in die Klinik kommt. So brechen wir auf und kommen am Abend in Kpando an, in dem Wissen, vielen Menschen geholfen und einen Grundstein zur weiteren Zusammenarbeit mit Chinderi gelegt zu haben.

Während meiner letzten Woche in Kpando, drei Wochen später, kommt der kleine Junge aus Chinderi in die Klinik. Wir operieren ihn an beiden Augen. Am nächsten Tag kann er sich schon ohne Hilfe orientieren und bewegt sich frei in ungewohnter Umgebung.

Inzwischen, jetzt im April, habe ich gehört, dass er gut genug sehen kann, um in eine Regelschule eingeschult zu werden. Für sein Leben wird die Operation einen wirklichen Unterschied bedeuten. Ohne die Möglichkeit, im Outreach tätig zu werden, ohne finanzielle Unterstützung der Sponsoren, wären solche Erfolge nicht denkbar.