Bericht des AVA-Vorsitzenden Prof. Dr. Spitznas

ÜBER SEINEN EINSATZ VOR ORT UND SEINE ERNENNUNG ZUM CHIEF
23.02 – 14.03.2020

Die Aktion Volta Augenklinik e.V. (AVA), deren 1. Vorsitzender ich bin, und GRVD, deren Mitglied ich bin, betreuen als Joint Venture die Anglican Eye Clinic Jachie im Elendsgürtel um die Millionenstadt Kumasi herum. Dabei ist AVA im Wesentlichen für Ausstattung und Personal, GRVD für den Transport von Material und Personen verantwortlich. Die Klinik wurde bisher von der einem englischen Orden angehörenden Sister Aba Otoo in sehr beengten Räumlichkeiten in der Ortsmitte von Jachie als reines Ambulatorium betrieben. Da der Orden an erheblichem Nachwuchsmangel leidet und Sister Aba als einzige Nonne in Ghana übriggeblieben ist, hat der Orden in seinem unweit gelegenen, z. T. leerstehenden Kloster Räumlichkeiten für eine Ausweitung der Therapiemöglichkeiten der Klinik zur Verfügung gestellt. In den vergangenen eineinhalb Jahren ist es nun gelungen, dort eine komplette ophthalmochirurgische Abteilung mit mikrochirurgischem OP, Laser-OP, spezieller Diagnostik, Bettenstation und Büros zu etablieren. Aufgrund der nun vorhandenen Ausrüstung wurde die Klinik kürzlich von den Gesundheitsbehörden auf Hospitalstatus hochgestuft. Dies ist wichtig, weil nur „Hospitals“ operative Eingriffe mit der Krankenversicherung abrechnen können. Darum sind Augenabteilungen meist als kleine Einheiten einem General Hospital angegliedert. Das Anglican Eye Hospital Jachie ist jetzt die einzige freistehende, unabhängige Augenklinik in ganz Ghana. Leider ist es hierzu nötig, auch einen Krankenwagen vorzuhalten, da im Falle von lebensbedrohlichen Komplikationen die Patienten nicht einfach über den Flur in eine Abteilung für Allgemeinmedizin geschoben werden können, sondern in die nächstgelegene Notfalleinrichtung transportiert werden müssen. Es ist gelungen, ein derartiges Fahrzeug mit Mitteln von AVA anzuschaffen. Ärgerlicherweise hat der ghanaische Staat hierauf Einfuhrzoll erhoben.

Der jetzige Besuch erfolgt um vor Ort nach dem Rechten zu sehen, mit offiziellen Stellen ins Gespräch zu kommen und die Krankenhausverwaltung bei einer Fülle ihrer neuen Aufgaben zu beraten.

Auch diesmal ist die Hinreise ein Hindernislauf: Umbuchung von Düsseldorf über Lissabon mit TAP, da nach Einchecken und Gepäckabgabe der KLM-Flug über Amsterdam wegen schlechten Wetters gestrichen werden musste. Ankunft in Accra gegen Mitternacht desselben Tages, aber ohne Gepäck, das erst 24 Stunden später ankommt. Daher eine weitere Übernachtung in Accra. Den Extratagtag in Accra nutze ich zu einem Besuch in der deutschen Botschaft und Treffen mit dem Mitarbeiter, der dort Mittel verwaltet, mit dem das Outreachprogram der Klinik unterstützt wird. Nach Abholung des Gepäcks am folgenden Morgen trete ich, chauffiert von Sister Aba, in dem betagten Toyota Landcruiser der Klinik die Weiterreise an, die uns zunächst nach Cape Coast führt, mit Übernachtung in einem schönen , fast leeren Resort am Meer im nahegelegenen Fischerdorf Elmina. Bei dieser Gelegenheit statten wir auch dem Elmina Castle einen bedrückenden Besuch ab, wo in der Vergangenheit Tausende von Sklaven gefangen gehalten und dann verschifft wurden. Die Weiterfahrt am nächsten Tag führt zunächst in den Kakum Nationalpark, wo ich mit Erfolg durch Begehung der berüchtigten , mehrere hundert Meter langen, aus Seilen geknüpften Hängebrücke, die in etwa 40 Meter Höhe zwischen den Kronen der Urwaldriesen ausgespannt ist, eine Mutprobe ablegen kann, während Sister Aba streikt. Die Weiterfahrt nach Jachie gestaltet sich abenteuerlich, da bei 40 Grad Außentemperatur nicht nur die Klimaanlage des Wagens komplett den Geist aufgibt, sondern schließlich der Kühler wegen Wassermangel anfängt zu kochen.

An einer Tankstelle gelingt es dann bei viel Palaver des sehr hilfsbereiten, aber völlig ungeschulten Personals Wasser nachzufüllen und die Fahrt mit reduzierter Geschwindigkeit fortzusetzen.

Kurz nach unserer Ankunft trifft aus Accra kommend Dr. Lobmayr, Chef der deutschen Niederlassung von Ellex ein, bei dem wir, unterstützt von einer britischen Spendergruppe, mit hohem Rabatt einen SLT-Laser zur Behandlung des in Ghana zehnmal häufiger als in Deutschland vorkommenden Grünen Stars erwerben konnten. Das Gerät ist gerade für die stark pigmentierten Augen der Afrikaner allen anderen Behandlungsmethoden überlegen. Da Dr. Lobmayr vom Konzept unserer Aktion Volta Augenklinik e.V (AVA) überzeugt ist, ist er auf eigene Kosten nach Jachie gereist, um das Gerät in Betrieb zu nehmen und die erste Einweisung vorzunehmen. Aufbau und Testung des Gerätes sind am nächsten Tag erledigt. Da Dr.Lobmayr sehr motiviert und außerdem manuell sehr geschickt ist, mache ich mich mit ihm in den nächsten Tagen daran, mit Hilfe von zwei jungen Hilfsarbeitern der Klinik 75 IKEA-Kartons auszupacken und zu zahlreichen Regalen, Schreibtischen und Schubladenelementen zusammenzubauen. Diese werden dann in Räumen des Klostergebäudes aufgestellt, die Schwester Aba für diesen Zweck freigegeben hat, um dort den neuen Verwalter, die Buchhaltung, Arztzimmer, Schwesternzimmer und Patientenzimmer unterzubringen. Diese Tätigkeit beschäftigt uns bis in die nächste Woche hinein, nachdem am Sonntag noch Frau Dr.Dorothee Brockmann, Oberärztin der Uni-Augenklinik Hannover, und Olaf Tenbrüggen aus Deutschland eingetroffen sind. Die Woche wird dann von Dorothee Brockmann genutzt, um den neuen Laser an zahlreichen Patienten mit sehr großem Erfolg zum Einsatz zu bringen und das Personal in der Anwendung zu unterrichten. Während Dr. Lobmayr in der zur Verfügung stehenden Zeit sich daran macht, die zahlreichen optischen Geräte zu warten, verbringe ich Stunden mit Sister Aba, der Leiterin der Klinik, um sie in Fragen der Krankenhausverwaltung zu beraten und Olaf Tenbrüggen, von Hause aus Bänker, der für den Senior Expert Service (SES) mit von der Partie ist, die Buchhaltung in der Modernisierung und Digitalisierung der Finanzstrukturen berät. Zwischendurch fahre ich über die immer noch abenteuerlich schlechte, aber in Renovierung befindliche Strasse zu einem Mittagessen mit dem anglikanischen Erzbischof für Westafrika (just the two of us) nach Kumasi. Anschließend suche ich die für die Ashantiregion zuständige Leiterin der National Health Insurance Agency auf und führe mit dieser ein sehr sinnvolles und erfolgreiches Gespräch über Abrechnungs- und Erstattungsfragen.

An einem Tag der Woche schließe ich mich gemeinsam mit Dr. Lobmayr dem Outreachteam der Klinik zu einem Besuch in einem Dorf in der Nähe des Bosomtwe Sees an. Was wir dort an Armut zu sehen bekommen, spottet jeder Beschreibung. Nach Abschluss der Augenuntersuchungen setze ich mich noch eine Weile mit den Ältesten des Dorfes zusammen und höre mir ihre Sorgen an.  Sie sind sehr dankbar für die ophthalmologische Betreuung, die übrigens völlig kostenfrei ist. Sie berichten auch, dass sie nicht unter Hunger leiden müssen, da praktisch alle über etwas Land verfügen, das sie für den Hausgebrauch bestellen. Ihr größtes Problem ist der Wassermangel. Sie besitzen nur eine Handpumpe, die sie mich selbst ausprobieren lassen, und aus der sich aus etwa 7 Metern Tiefe jetzt gegen Ende der Trockenzeit nur tropfenweise Wasser entleert, mit dem aber fast 1000 Leute versorgt werden müssen. Eine Tiefbohrung mit Elektroanschluss, versenkter Pumpe und großem Auffangtank und einer Garantie von 4 bis 5 Jahren würde umgerechnet gut 2.000 Euro kosten. Sie richten die dringende Bitte an uns, ihnen diesbezüglich zu helfen und wir versprechen, uns für die Lösung des Problems einzusetzen.

Sonntag, den 8. März. erhalten wir kurz Besuch von Dr. Jobst Isbary und Prof. Rainer Burghard vom GRVD-Vorstand und einem Kollegen, die auf der Durchreise zu einer Inspektionstour mehrerer GRVD-Projekte kurz in Jachie Station machen. Bei einem Durchgang durch das Haus zeigen sie sich sehr beeindruckt von Räumlichkeiten und Ausstattung von OP, Laser-Raum, spezieller Diagnostik, Station und Büros, deren Umwidmung in Krankenhausräume der Orden von Sister Aba genehmigt hatte.

Am folgenden Montagmorgen um 5:00 Uhr machen Sister Aba, Dorothee Brockmann und ich uns auf zu der fünf Fahrstunden entfernten Blindenschule mit Internat in Akropong. Von den mehreren hundert Kindern und Jugendlichen, die dort von unterschiedlichen Sponsoren unterstützt leben, werden 35 schon seit Jahren von Sister Aba gefördert, nachdem sie ihr z.T. als Babys auf die Schwelle gelegt wurden. Die Armut ist auch dort für uns nur schwer zu ertragen. Die Kinder besitzen nichts als das, was sie von ihren Sponsoren erhalten, von der Seife angefangen bis zur Kleidung. Auch gibt es keinerlei Privatleben. Man wohnt nach Alter und Geschlechtern getrennt in großen Schlafsälen. Schränke gibt es nicht. Alle Habe hängen an den Pfosten der Etagenbetten. Dennoch sind die Erfolge der Schule beachtlich. Immerhin schaffen es etliche Schüler zum Collegeabschluss, und das Musterexemplar von Sister Abas Schützlingen befindet sich augenblicklich mit einem Stipendium der Universität zum Studium in Oxford.

Eigentlich soll ich hier im Namen des Deutschen Katholischen Blindenwerks (DKBW) acht Blindenschriftschreibmaschinen im Stückpreis von 1.000 Euro feierlich überbringen, die aber wegen der Corona-Probleme von den USA noch nicht angeliefert werde konnten. So können wir aber immerhin einige Fotos mit dem Banner des DKBW anfertigen.

Die Woche läuft für alle Beteiligten bei starkem Arbeitseinsatz im Wesentlichen wieder so ab, wie die Vorwoche, wobei Frau Dr. Brockmann zusätzlich im Rahmen zahlreicher Pterygium-Operationen eine intensive Einweisung in die Rezidiv reduzierende Technik der abschließenden Deckung mittels Autotransplantat der Bindehaut vornimmt.

Wenn wir uns dann nach sechs Uhr abends bei Einbruch der Dunkelheit wieder im Refektorium zusammenfinden, sind wir hungrig, halb verdurstet und hundemüde, sodass ein längerer abendlicher Plausch meist unterbleibt und wir erschöpft in die Betten sinken Ein erquickender Schlaf ist dabei kaum möglich , weil praktisch die ganze Nacht hindurch unterschiedliche freikirchliche Gemeinden gleichzeitig oder nacheinander mit Lautsprechern  laute Musik sowie marktschreierische Predigten und Gebete übertragen, die selbst mit Ohropax nur schwer zu dämpfen sind.

Am letzten Tag vor unserer Abreise findet eine große Zeremonie mit Politik, Kirche, Fernsehen, Printmedien, Folklore und mehreren Hundert Gästen statt, mit der die Höhergruppierung zum Hospital begangen wird und in deren Verlauf ich auch den Krankenwagen und den Laser feierlich übergebe. Da ich auch zu einer Rede gebeten bin, nutze ich die Gelegenheit, um gegen den ärgerlichen Einfuhrzoll zu protestieren.

Immerhin sprechen mich danach mehrere hohe Politiker an und versprechen, sich um eine Rückerstattung zu bemühen. Ich bin gespannt.

Gegen Ende der Veranstaltung werde ich dann plötzlich nach vorne gebeten zu einer Gruppe von Personen in traditioneller Stammeskleidung und ich werde feierlich in den Stand eines Chiefs erhoben. Dabei werde in ein Riesentuch aus zusammengenähten Kentebahnen, einer traditonellen ghanaischen Webart, eingewickelt, erhalte ein Paar spezieller Sandalen und einen extra angefertigten, messingbeschlagenen Thron mit Sitz aus kurzem Antilopenfell. Ich halte dies zunächst für einen Scherz, etwa wie Karnevalsprinz oder Schützenkönig, um dann aber festzustellen, dass es sich um die Erhebung in den traditionellen ghanaischen Hochadel handelt, der parallel zu den demokratischen Strukturen des Landes weiterexistiert. Mir wird der Name Sompaphene I.of Jachie verliehen, dem der Monarchentitel Nana vorangestellt ist und mit dem ich in Zukunft Schreiben an offizielle Stellen in Ghana, gefolgt von meinem bürgerlichen Namen, unterzeichnen soll. Zu dem Ganzen erhalte ich auch noch eine Schenkung von etwa 120.000 qm Land.
Ich trage diese Ehrung mit Fassung, weiß ich doch, dass ich nur stellvertretend für alle die geehrt werde, die durch ihr Engagement zunächst in meinem Lions Club Bonn-Godesberg, später bei GRVD und AVA und schließlich auch bei Opthalmo Update das Projekt zu diesem Erfolg gebracht haben.

Am Folgetag nach dem großen Ereignis trete ich gemeinsam mit Frau Dr. Brockmann und Olaf Tenbrüggen die Heimreise an. Am Flughafen von Accra treffen wir auf die GRVD-Gruppe vom vergangenen Wochenende, die wegen der Corona-Krise ihre Reise vorzeitig beendet hat, und wir gelangen mit einem der letzten regulären KLM Flüge wieder sicher nach Deutschland

Hoffen wir, dass das Anglican Eye Hospital Jachie, das jetzt wegen der Corona -Krise seinen Betrieb fast vollständig einstellen musste, die Pandemie finanziell überlebt und dass Sister Aba und ihr Personal gesund bleiben.